Ulrichsgymnasium Norden

Bericht einer Lehrkraft zum Anne Frank Tag:

Zum 89. Geburtstag von Anne Frank am 12. Juni 2018 fand in der historischen Aula des Ulrichsgymnasiums Norden eine Veranstaltung statt. Thema des Anne Frank Tages war in diesem Jahr »Helfen und Widerstand«. Zu dem Zweck hatte das Anne Frank Zentrum in Berlin die teilnehmenden Schulen mit sechs großen A 0-Plakaten zur Familie Frank und ihren Helfer*innen im Amsterdamer Versteck sowie zu weiteren Widerstandskämpfern zur Verfügung gestellt.

Am Ulrichsgymnasium wurden die Plakate von Schülerinnen und Schülern der 9. und 11. Klasse vor der Aula aufgebaut. Im Saal selbst wurden drei weitere, während des Seminarfachkurses von Herrn Rademacher angefertigte Kunstobjekte ausgestellt. Zum einen war es der Zyklus aus Aquarellen und Zeichnungen von Sylvia Dehne, die die Flucht ihrer Mutter aus Vietnam über Bulgarien nach Ostfriesland im Rahmen ihrer Facharbeit in Bilder gefaßt hatte. Zum anderen war es der Nachbau des Konzentrationslagers Engerhafe, den Wiebke Ulferts ebenfalls als Facharbeit angefertigt hatte. Schließlich wurde auf einem ehemaligen Medienwagen, den Hausmeister und Schulassistent eigens für den Zweck präpariert hatten, ein »Fenster der Erinnerung« präsentiert. Maike Becker hatte für ihre Seminararbeit nicht nur die Ideen gesammelt, sondern auch alle Materialien besorgt und bearbeitet sowie Bilder von Opfern und Tätern wie Symbole beider Gruppen in das Kunstwerk integriert.

Während am Vormittag nach der Eröffnung durch Schulleiter Wolfgang Grätz mehrere Klassen 8 und 9 die verschiedenen Angebote wahrnahmen - es wurden auch ein Kurzfilm zu den Stolpersteinen in Norden (von Kristina Bieniek) sowie ein Tanzfilm zum Leben Anne Franks (von Fenna Oldendorf) gezeigt - gab es am Nachmittag zunächst ein gemischtes Kulturprogramm zum Thema: Dabei traten alle drei Künstlerinnen auf und erklärten ihre Werke. Ferner trugen Nicole Fiene und Amelie Hagen ihre Kurzgeschichten zum Thema Flucht vor: nach Marseille und nach Amsterdam im Lauf der 1930er Jahre. Schließlich wurde der Dokumentarfilm mit in Norden und Umgebung gedrehten Spielszenen gezeigt, den Rieke Folkerts, Aylin Lübben-Buss und Ronja Wachowitz zur Fluchtgeschichte des in Prag geborenen Zeitzeugen Rudolf Müllan (Jahrgang 1937) angefertigt hatten.

Darüber hinaus gab es zwei Bausätze zum Hinterhaus in der Prinsengracht 263 in Amsterdam, wo die Familie Frank mit der Familie van der Pels und Fritz Pfeffer gut zwei Jahre im Versteck überlebte. Beide wurden am Vormittag mit großer Akribie von Arbeitsgruppen zusammengefügt. Diese Materialien, die von der Schule eigens für den Aktionstag erworben wurden, sowie Bücher und DVDs sind in den Bestand der Bibliothek des Ulrichsgymnasiums übergegangen.

Drei Tage später, am Freitag, dem 15. Juni 2018, wurde die lang geplante Tagesfahrt zum Anne Frank Huis nach Amsterdam durchgeführt. Es nahmen 47 Schüler*innen teil, darunter auch etliche, die im August und September 2017 als Peer Guides die Gruppen in die Wanderausstellung »Anne Frank: Ein Mädchen schreibt Geschichte« begleitet hatten. Diese Jugendlichen, aber auch alle anderen Teilnehmenden kamen also mit Vorkenntnissen an den Schauplatz, wo Anne Frank den Großteil ihres Tagebuchs und die damit zusammenhängenden Werke verfaßte. Vielmehr war zu Beginn der dreißigminütigen Einführung im Tiefgeschoß des Besucherzentrums klar, daß die Freiwillige der »Aktion Sühnezeichen« eher interaktiv mit dem Thema umgehen wollte. Es wurden etliche vertiefende Fragen gestellt, die Photos, Plakate und Gegenstände, die im Seminarraum zu sehen sind, genauer betrachtet und photographiert, denn im Anne Frank Huis selbst ist Photographieren verboten.

Der Rundgang durch das Museum geschah dann unter Mitnahme eines Audioführers, und alle Teilnehmenden bewegten sich im Strom der zahlreichen Touristen durch das Haus. Von wirklicher Bewegungsfreiheit kann angesichts der Enge, die immer größer wird, sobald man das Hinterhaus betritt und weiter nach oben geht, keine Rede sein. Mag auch nicht jeder mit der sparsamen, auch von den Farben her zurückhaltenden Ausstattung im historischen Sinne einverstanden sein und vielleicht die Möglichkeit vorziehen, ganz allein durch die Räume zu streifen, so ist die Atmosphäre des Hauses jedoch auch an einem sonnigen Sommertag dem nahe, was die Versteckten erlebt haben dürften. Draußen brummt die Stadt, und drinnen knarren die Bohlen sogar heute noch bei jedem Schritt. Das heißt, die Versteckten mußten über Tag absolute Ruhe halten. Die Toilettenspülung durfte nicht betätigt werden - die Delfter Kachel-Ästhetik täuscht nicht darüber hinweg, daß in den Jahren 1942 bis 1944 kaum jemand dafür eine Sinn gehabt haben dürfte.

Vor Ort zu erfahren, daß das Hinterhaus schon bevor es als Versteck diente, leer gestanden hatte, gibt der letzten selbst gewählten Lebensphase dieser Menschen einen weiteren vorher ungeahnten Sinn. Ähnlich eindrücklich ist es, Annes niederländisch geschriebenes Tagebuch zu sehen und zugleich zu wissen, daß die Menschen, wenn sie denn überhaupt sprachen, deutsche Worte wechselten, während die Informationen aus dem Äther durch die englischsprachige BBC kamen. Die Vielsprachigkeit der Besucher wie der im Museumsladen angebotenen Medien ist nicht nur Teil der Wirkung Anne Franks, sondern vor allem auch immer Teil ihres so kurzen Lebens gewesen. Der Weg durch die Innenstadt von Amsterdam, wo es nach dem Besuch im Anne Frank Huis noch mehr von Menschen wimmelte, war durchaus also auch ein Weg durch die Geschichte dieser aus Renaissancebauten bestehenden Metropole. Doch wer an Anne Frank denkt, mag am Ende eher die Ästhetik ihres Tagebuchs und ihrer sauberen Handschrift, die sie im Versteck pflegte, im Kopf behalten - der Exotik und Exorbitanz der Ladengeschäfte wie der Menschen vieler Nationalitäten in Amsterdam zum Trotz. Es wird noch mehr Besuche im Anne Frank Huis und an den Orten, wo sie in Amsterdam lebte und wohnte und zur Schule ging, bedürfen, um zu ermessen, was es heißt, von heute auf morgen alles aufzugeben und nur noch versteckt weiterzuleben.

Jörg W. Rademacher

Mitwirkende am Anne-Frank-Aktionstag: Zeitzeuge Rudolf Müllan (erster hinten links), Nicole Fiene, Sylvia Dehne, Kristina Bieniek, Wiebke Ulferts (vorne von links) sowie Mitwirkende bei dem Film von Aylin Lübben-Buss, Vorn der Nachbau des KZ Engerhafe von Wiebke Ulferts, hinten das „Fenster der Erinnerung“ von Maike Becker. Photo: Rademacher
Gruppe der Peer Guides im Seminarraum des Anne Frank Huis. Photo: Rademacher
Dokumente und Objekte im Seminarraum des Anne Frank Huis. Photo: Rademacher

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